Am Kamel nach Folgaria

Anreise

Tag 4, 183km, Ankunft in Folgaria. Foto: Alfred
Tag 4, 183km, Ankunft in Folgaria. Foto: Alfred

Eine Frage der Perspektive

Am Morgen fixierte ich bereits das vierte Roadbook am Lenker. Es war Freitag, am Ende dieses Tages wollte ich nach 183 km das Ziel in Folgaria erreichen. Nach nur 15 Kilometern war der Scheitelpunkt des Passo Tonale erklommen. Die Strecke war äußerst idyllisch. Aber bei mir konnte sie wenig Emotionen hervorrufen. Schuld daran war wohl die Reizüberflutung des Vortages. Ich fühlte mich, als hätte ich bereits dem Tiger ins Auge geblickt und den Alligator am Schwanz gepackt. Da würde man bei Sichtung eines Fuchses auch gelassen bleiben.

Idyllische Auffahrt zum Passo Daone. Foto: Alfred
Idyllische Auffahrt zum Passo Daone. Foto: Alfred

Licht nur für den Tag

Wie bereits beschrieben, war die 6V-Lichtanlage der SWM bei Tag besser anzusehen, als sie im Dunkeln funktionierte. Daher war es mir wichtig bei den Tagestouren eine Zeitreserve für eventuelle Problemlösungen von 2-3 Stunden einzuplanen bevor es dunkel werden würde. Genauso mied ich möglichst das Befahren von Tunnels. So mancher unvermeidbare unbeleuchtete Tunnel ließ meinen Stresslevel bis zum Anschlag steigen.

 

Pragmatische Lösung

Ein Tunnel um Madonna di Campiglio hielt den Durchzugsverkehr aus dem Ort fern. Den Tunnel wollte ich mir ersparen, zumal im Ort ein Tankstopp geplant war. Bei der Streckenplanung entging mir allerdings, dass die alte Durchfahrtsstraße durch den Ortskern nun als Fußgängerzone gestaltet war. Der gegenüberliegende Ortsteil war für KFZ nur über den Tunnel erreichbar. Also entschied ich die SWM durch die kurze Fußgängerzone zu schieben. In diesem Moment war ich ganz froh, nicht mit so einem fetten Brummer unterwegs gewesen zu sein. Die Ortsplaner meinten es aber nicht gut mit mir. Für die Weiterfahrt mußte ich trotzdem noch ein kurzes Stück durch den Tunnel.

Trost von einem Radfahrer am Passo Ballino. Foto: Alfred
Trost von einem Radfahrer am Passo Ballino. Foto: Alfred

 

Man soll sich daran gewöhnen

Obwohl der folgende Streckenteil über lokale und nicht beschriftete Nebenstraßen führte, funktionierte mein „Analog-Navi“ einwandfrei und führte mich zielsicher über einige kleine Pässe, wie Passo Daone (1308 m.ü.A.) und Passo Durone (1015 m.ü.A.). Während ich am Passo del Balino (763 m.ü.A.) das übliche Foto machte, sprach mich ein Radfahrer an. „Von wo kommst du denn her?“ Aufgrund meines KFZ-Kennzeichens erkannte er, dass wir im selben Bezirk wohnten. Er tröstete mich, dass man sich an die Schmerzen im Hintern gewöhnen würde. Ich stimmte ihm zu, man gewöhnt sich daran, aber die Schmerzen würden deshalb nicht weniger.

 

Wegen Regenwahrscheinlichkeit kein Eis in Riva di Garda. Foto: Alfred
Wegen Regenwahrscheinlichkeit kein Eis in Riva di Garda. Foto: Alfred

 

Kein Eis

Für das Ziel in Folgaria hätte es eine kürzere Strecke gegeben. Ich wollte mir jedoch ein weiteres Highlight gönnen: „Mit dem Motorrad an den Garda See und hier ein Eis essen“. Seit dem Passo Daone, also seit rund 30 Kilometern schien ich ständig am Rand einer Regenfront zu fahren. Ich war noch unter Sonnenschein unterwegs, aber hinter mir war der Himmel mit dunkelgrauen Wolken verhangen. Beim Tankstopp in Riva di Garda entschied ich weiter zu fahren, um mein Ziel möglichst noch im Trockenen zu erreichen. Ich war nur noch 60 Kilometer von Folgaria entfernt. Alleine Eis essen macht ohnedies keinen großen Spaß, das könnte ich gut ein anderes Mal in angenehmer Begleitung nachholen.

 

Zweiraderleuchtung

 In Riva di Garda herrschte reger Straßenverkehr. Als defensiver Reisetourist fuhr ich brav im Kollonnenverkehr mit. Doch irgendwann wurde ich mir der Situation bewußt, dass ich mit einem Zweirad in einer italienischen Stadt unterwegs war. Also war es doch meine standesgemäße Aufgabe, freie Verkehrsflächen zu nutzen und mich weder durch „irreführende“ Straßenmarkierungen noch durch Gegenverkehr davon abhalten zu lassen. So war auch die rush-hour für die wendige SWM eine einfache Übung.

 

Unüberholbar

Nach der Stadt führte die Straße einen Anstieg hinauf. Aufgrund des Streckenverlaufs konnte ich bequem mit dem Verkehrsfluß mithalten. Allerdings schien es mir seltsam, dass ich trotz des geringen Tempos eine ganze Weile nicht mehr überholt wurde. Die Ursache war schnell gefunden. Durch die Stadt lief der Motor meist niedertourig oder im Standgas. Am Berg kam der Auspuff wieder auf Temperatur. Die Verbrennungsrückstände, die sich während der Stadtdurchfahrt angesammelt hatten wurden nun ausgebrannt. Der Auspuff stieß eine Rauchwolke aus wie ein Trabant aus der DDR bei Kaltstart. In diesen Nebel des Grauens wollte wohl niemand eintauchen. Auch wenn ich wußte, dass sich das rasch legen würde, war mir diese Situation extrem unangenehm.

 

Folgaria!

Problemlos ging es über Nebenstraßen durch die Bergdörfer nach Rovereto, um anschließend über Serrada endlich Folgaria zu erreichen. Wie gewohnt führte mein erster Weg zur Tankstelle. Nun wurde jedoch auch der zusätzliche 5-Liter Kanister aufgefüllt, den ich bisher in leerem Zustand im Rucksack am Rücken bei mir hatte. Es wäre ein leichtes gewesen, den Sprit für den Bewerb von Freunden organisieren zu lassen. Ich wollte das Projekt aber vollkommen autonom realisieren. Dazu mußte ich auch selbst für die Tanklogistik sorgen. Der Rucksack hatte nun ein Gesamtgewicht von 16 kg. Zum Glück waren es nur noch zwei Kilometer zum Fondo Grande, einer Talstation des Schigebietes von Folgaria.

 

Nach vier Tagen und absolvierten 950 Kilometern hatte ich das Ziel in Folgaria erreicht! Das erste Drittel meines Projekts, also die Anreise war geschafft.