Am Kamel nach Folgaria

Anreise Tag 3

Tag 3, 205km, Tag der Pässe. Foto: Alfred
Tag 3, 205km, Tag der Pässe. Foto: Alfred

 Im Vergleich zu den bisherigen Etappen war das dritte Tagesprogramm mit 205 Kilometern kurz. Aber nun ging es ans Eingemachte! Reschenpaß, Stilfser Joch und Gavia Paß standen mir bevor. Ich war aufgeregt. So aufgeregt, dass ich den Benzinhahn beim Start wieder nicht vollständig öffnete und ich an einer verkehrsmäßig unangenehmen Stelle zu stehen kam. Was hatte ich mir doch vorgenommen: „Bleib konzentriert!“

Sperrflächen gelten nur für Touristen, Reschenpaß. Foto: Alfred
Sperrflächen gelten nur für Touristen, Reschenpaß. Foto: Alfred

Reschenpaß

Nach der Schrecksekunde zu Beginn fand ich rasch wieder zu meinem Rhythmus. Das Passieren der Grenze nach Italien, kurz nach Nauders löste in mir erste Glücksgefühle aus. Am Fotohotspot zum Kirchturm von Altgraun im Reschensee herrscht Parkverbot. Rundherum standen unzählige Motorräder auf den Parkplätzen. Ich war nicht an einem Selfie interessiert, vielmehr wollte ich ein Foto mit der SWM und dem Kirchturm im Hintergrund. Also fuhr ich geradewegs bis zum Zaun vor dem See, posierte das Moped, machte mein Foto und war schon wieder weg, bevor der Tourist an der Seite ein zweites Mal von seinem Eis schlecken konnte.  

Stilfser Joch, die Guanaco in ihrem natürlichen Habitat auf 2757 m! Foto: Alfred
Stilfser Joch, die Guanaco in ihrem natürlichen Habitat auf 2757 m! Foto: Alfred

die Gunaco, ein Hochlandkamel am Stilfser Joch

Von hier aus waren es nur noch dreißig Kilometer und einmal abbiegen bis Prad am Stilfser Joch, wo ich den Tank noch einmal füllen konnte. Den Berg hinauf herrschte reger Verkehr. Die Kolonne war langsamer, als ich fahren hätte können. Entspannt rollte ich also mit dem Verkehr den Berg hinauf. Ich hatte mir unzählige Videos von Kanyar-Foto auf Youtube angesehen. Oftmals analysierte der Fotograf dabei die Anfängerfehler, die zu vielen Stürzen in den anspruchsvollen Spitzkehren führten. Ich war auch Anfänger, aber keinesfalls wollte ich zu jenen gehören, die an den Kurven scheiterten und dabei gefilmt würden. Mit der leichtgewichtigen und wendigen SWM waren die Kehren aber problemlos zu fahren. Mit meiner Trialerfahrung bin ich einmal sogar einem Radfahrer im ersten (Trial-)Gang in den engen Radius einer Rechtskurve gefolgt. Für mich besonders beeindruckend war die Erfahrung, wie lange die Straße auch noch oberhalb der Baumgrenze den Berg hinauf führte. Dabei wurde der letzte Abschnitt noch extra steil und anspruchsvoll. Eine Menschenmenge, vielfach in Motorradkleidung auf und neben der Straße zeigte an, dass die Paßhöhe unmittelbar vor mir lag. Links an der Straße stand auf einer kleinen Anhöhe die Tafel, die den Passo di Stelvio anzeigte. Wiederum nutzte ich die Gelegenheit die Fähigkeiten der SWM um direkt vor die Tafel zu fahren und Erinnerungsfoto mit dem Moped zu machen. Sie hatte ja auch die ganze Arbeit den Berg herauf geleistet. Ich mußte die Fahrt lediglich absitzen und darauf achten nicht vom Moped zu fallen. Am Parkplatz ließ ich es mir aber nicht nehmen, diesen Moment für mich zu feiern. Im Jahr 1978 präsentierte der italienische Motorradhersteller SWM sein erstes Trialmodell und nannte es Guanaco. Guanacos sind eine wild lebende Kamelart, die in Südamerika bis in eine Seehöhe von 4000 m anzutreffen sind. Meine kleine Guanaco ist mit mir nun auf das Stilfser Joch auf 2757 m.ü.A. geklettert!

 

Die weitere Strecke hinab nach Bormio läßt sich aus mittlerweile bekannten Gründen kurz zusammenfassen: 21 Kilometer bergab. Für mich unlustig zu fahren. Kurz vor Bormio schienen zwei PKW an einer Engstelle einander gestreift haben. Der Verkehr kam zu erliegen. Wer jedoch, so wie ich, mit einem schlanken Zweirad unterwegs war, konnte sich locker vorbei schlängeln.

 

Guanaco Nimmersatt am Gavia Paß, 2652 m! Foto: Alfred
Guanaco Nimmersatt am Gavia Paß, 2652 m! Foto: Alfred

Gavia Paß, aller guten Dinge sind drei!

 In Bormio war es wieder an der Zeit, den Tank zu füllen. Denn gleich nach der Tankstelle ging es nach links weg, in Richtung Passo Gavia. Die Auffahrt fühlte sich unspektakulär an. Möglicherweise trübten mich auch die Sinne, da ich gerade vom Stelvio kam. Dennoch genoss ich diese Fahrt besonders, da ich mich nur an ganz wenige andere Fahrzeuge erinnere. Im Unterschied zum Stilfser Joch war ich hier geradezu alleine unterwegs. Auf einer Hochalm schlängelte sich die Straße dahin, bis ich auch hier das Hinweisschild mit der Aufschrift „Passo Gavia m. 2652“ erreichte.

 

Bitte laß mich hier nicht hängen!

Meine liebste Andrea machte sich zu Hause große Sorgen während meiner Tour. Sie war es nicht gewohnt, dass ich mit einem Motorrad auf Straßen unterwegs war. Sie kannte die Besonderheiten dieser Reise. In der Vorbereitungszeit fragte sie mich einmal: „Was wirst du machen, wenn du ein Problem hast?“ Diese Frage konnte ich nicht seriös beantworten, denn das würde von der Art des Problems abhängen. Bei technischen Problemen hätte ich in letzter Konsequenz aber immer die Möglichkeit, bei meinem Verkehrsclub anzurufen und Pannenhilfe anzufordern.

Natürlich machte ich auch am Gavia Paß das obligatorische Erinnerungsfoto mit der SWM vor dem Hinweisschild. Als ich es jedoch per Social Media teilen wollte, stellte ich fest, dass ich hier oben keinen Empfang hatte. Ich ging in mich und fasste kurz die Fakten zusammen: Kein Handyempfang, kaum Straßenverkehr, keine Ausrüstung für Übernachtung im Hochgebirge dabei. Ich blickte auf das Motorrad und dachte: „Liebe SWM, bitte bringe mich zumindest diesen Berg wieder herunter“.

 

Straße wie in alten Zeiten!

Es war die Strecke nach Ponte die Legno, weshalb diese Paßstraße als anspruchsvoll oder gar gefährlich gilt. Wir sind es einfach nicht mehr gewohnt auf einspurigen Bergstraßen ohne Absturzsicherungen und mit Ausweichbuchten für den Gegenverkehr zu fahren. Auf der kleinen SWM fühlt sich Gegenverkehr auf engen Straße weniger stressig an, als mit einem 300kg-Dampfer. Aber auch ich fuhr einen Streckenabschnitt mit „konsequentem Blick auf die linke Hangseite“ weil die Bergflanke rechts gefühlte 1000 m mit freiem Blick steil ins Tal führte.

 

Underdressed im Nobelschuppen?

Im Etappenziel in Ponte di Legno hatte ich irrtümlich ein 4*-Hotel gebucht. Natürlich wollte ich auch zu Abend etwas essen. Für solche „zivile“ Situationen hatte ich eine Garnitur an Straßenkleidung im Rucksack dabei. Um Gewicht zu sparen, packte ich ein paar Nachbildungen von Crocks-Gartenschlapfen ein. Überpünklich zur Öffnungszeit war ich im Restaurant erschienen und bekam einen Tisch zugewiesen. Da saß ich nun in einem T-Shirt mit Trial-Motiv, in Jeans und diesen grünen Gartenschlapfen mutterseelen alleine mitten in einem Saal eines Restaurants. Um mich wuselten sechs top gestriegelte Kellnerinnen und Kellner, ein Oberkellner und einer, der wohl für die Bar zuständig war. Das Gefühl der Deplatzierung löste sich erst, als sich das Restaurant mit anderen Gästen füllte.