Am Kamel nach Folgaria

Anreise Tag 2

Tag 2, 254 km am Plan. Foto: Alfred
Tag 2, 254 km am Plan. Foto: Alfred

Wunderbar ausgeruht und gut gestärkt ging es in den zweiten Tag mit Ziel in Oetz in Tirol mit einer Tagesstrecke von 254 km. Diese Etappe beinhaltete einige Streckenabschnitte, die mir aus unterschiedlichen Gründen großen Respekt abverlangte. Andererseits hatte ich auch einige Highlights eingeplant, auf die ich mich riesig freute.

 

Streß mit dem Verkehr

Nur wenige Kilometer nach dem Start führte die Strecke durch das idyllische Salzachtal. In der engen Talsohle folgt die Straße eine Weile lang den Mäandern des Flußes. Nach einiger Zeit führt die Straße gerade einen Berghang hoch um anschließend wieder in langgezogenen Kurven ins Tal zurück zu führen. Mußten sich viele Teilnehmer im kurvenreichen Abschnitt noch in Geduld üben, ließen sie hier ihren Fahrzeugen freien Lauf. Für mich bedeutete dies jedoch, dass ich unangenehm viel Verkehr von hinten hatte. Sowohl bergauf als auch bergab hatte ich jeweils einen LKW hinter mir, der gerne schneller gefahren wäre und dies durch knappes Auffahren auch kund tat. Diese Situation war für mich derart fordernd, dass ich am Ende dieser Passage einen kurzen Stopp einlegte um meinen Stresspegel wieder absenken zu können.  

Besuch bei Christian Schneider. Foto: Alfred
Besuch bei Christian Schneider. Foto: Alfred

Besuch beim Meister

Die Belohnung für diesen Stress folgte gleich im Anschluß an den nächsten Tankstopp. In Bramberg am Wildkogel hatte ich einen Besuch vereinbart. Benzingespräche von gestern und heute bei Kaffee und Kuchen mit Christian Schneider, dem ehemaligen vierfachen österreichischer Trial Staatsmeister lenkten meine Gedanken rasch wieder auf das Wesentliche: die Tour, die herrliche Landschaft und den Sonnenschein! An den Krimmler Wasserfällen ging es vorbei über die Gerlos Alpenstraße in das Zillertal. Die Straße durch die Dörfer stellte sich abschnittsweise wie eine Kulisse aus Heimatsfilmen aus den 1950er oder 1960er Jahren dar. Es fehlten nur noch ein paar VW Käfer und Reisebusse mit Panoramafenstern.

Besuch bei Günter Schick, Importeur der SWM. Foto: Alfred
Besuch bei Günter Schick, Importeur der SWM. Foto: Alfred

Beim Importeur der SWM

Im Inntal angelangt war es nicht mehr weit nach Schwaz. Hier hat österreichs dienstältester aktiver Trial-Motorradhändler seinen Sitz. Und außerdem war es er, Günter Schick, der meine SWM im Jahr 1978 nach Österreich importiert hatte. Natürlich wollte ich auch ihn auf dieser Tour unbedingt besuchen. Es folgten Bezingespräche von gestern und heute bei Kaffee und Kuchen. Letztendlich war ich ganz froh darüber, dass ich nur auf zwei Rädern angereist und Stauraum äußerst knapp war. Günter hatte mir solange Motorräder schmackhaft gemacht, bis auch ich bei einem Modell meinte: „ja, das wäre schon ein spannendes Moped!“ Günter Schick ist Motorradfreund und Händler, mit Leib und Seele! Und ich hatte zum Glück keinen Laderaum.

In der Stadt und am Berg: Die SWM läuft! Foto: Alfred
In der Stadt und am Berg: Die SWM läuft! Foto: Alfred

Durch Innsbruck

Anschließend ging es durch die Stadt Innsbruck. Der dichte Verkehr bereitete mir vorab Kopfzerbrechen. An der SWM sind keine Blinker montiert. Richtungswechsel muß ich per Hand anzeigen. Abbiegen nach rechts war daher schwierig, weil das Gas sofort auf Standgas ging, wenn ich den Richtungswechsel anzeigen wollte. Ich behalf mir durch Rausstrecken des rechten Fußes. Bei der gekauerten Sitzposition auf der SWM ist dieses Signal aber ganz eindeutig, das kann man verstehen oder auch nicht. Das Fahren durch die Stadt stellte aber kein Problem dar. Allerdings kam ich vom geplanten Weg ab. Zweimal mußte ich nach dem weiteren Straßenverlauf fragen. Zweimal blickte ich dabei in sichtlich amüsierte Gesichter. Mit dem ungewohnten Geräusch des Zischen des Dekompressors zum Abstellen des Motors war die Aufmerksamkeit gleich auf mich gerichtet. Gekleidet in einer Vintage-Jacke, Trialhelm mit Motorradbrille und Schal vor dem Gesicht, sowie dem großen Rucksack am Rücken kam ich wohl angedackelt wie ein Waldschrat und fragte letztendlich in einem ortsuntypischen Dialekt nach den Weg.

 

Hoch hinauf!

Die letzten fünfzig Kilometer des Tages hatten es noch einmal richtig in sich. Der Anstieg auf das 2000 m.ü.A. gelegene Kühtai war angenehm zu fahren zumal ich kaum Verkehr hatte. Ich merkte, wie das Vertrauen in die Standfestigkeit der SWM zunahm. Ich gewöhnte mich immer besser an die erforderliche Fahrweise. An die Schmerzen im Hintern hatte ich mich aber nicht gewöhnt. In diesem Zusammenhang übte ich mich weiterhin in buddhistischen Gleichmut. „Ohm!“.

Wer hoch hinaus will, muß auch wieder weit herunter fahren. Vom Scheitelpunkt am Kühtai ging es nun 600 Höhenmeter über eine Strecke von sechszehn Kilometer ständig bergab. Auf der einen Seite war ich aufgrund meiner „Zweitakt-Schmier-Paranoia“ in ständiger Sorge um den Motor. Andererseits brachte die vordere Bremse mit deutlichem Quietschen ihrer thermischen Belastung zum Ausdruck. Zu guter Letzt war die SWM mit einem scheinbar komfortablem Doppelsitz ausgestattet. Die Schaumgummi-Auflage war mindestens zweimal so hoch wie am Trialeinzelsitz. Doch der Schaumgummi war auch fast schon 50 Jahre alt, und die Sitzbank schräg nach vorne geneigt. Bei Abfahrten rutschte ich also tendenziell nach vorne in den schmaleren Schaumgummi-Bereich. Die ohnedies schon unkomfortable Sitzposition wurde also noch unbequemer. Was sich hier zeigte, würde sich in weiterer Folge bei jeder Gelegenheit bestätigen: Talfahrten von Paßstraßen waren äußerst unlustig und anstrengend zu fahren.

 

In Oetz hatte ich die Übernachtung bei meiner Schwester vorbereitet. Der Tourplan sah generell vor, dass ich vor dem Etappenziel immer voll tankte. Nach jeder Ankunft prüfte ich ob an der SWM alles paßte. Den Spickzettel mit aktuellen Tagestour wechselte ich aber erst am nächsten Tag, unmittelbar vor der Abfahrt. Würde jemand den Tourenplan des letzten Tages über Nacht beschädigen oder abreißen, wäre es mir egal gewesen. Würde jedoch die Planung des kommenden Tages fehlen, hätte ich ein großes Problem gehabt.

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