Am Kamel nach Folgaria
Anreise Tag 1

Konzentration bitte!
Am Dienstag früh, dem 2.9.2025 ging es endlich los. Mit einer Tagesstrecke von 300 Kilometern wollte ich gleich einmal richtig loslegen. Alles war sorgfältig vorbereitet und mehrfach geprüft. Doch nur wenige hundert Meter nach dem Start begann der Motor zu stottern und blieb stehen. Ein einfacher Handgriff am Benzinhahn war des Problems Lösung. Es war keiner großen Rede wert, aber ich verstand es als Mahnung jede Sekunde maximal aufmerksam zu bleiben. Der kleinste Fehler könnte das Projekt zum Scheitern bringen.
Bereits nach den ersten Kilometern nahm ich einen kleinen Umweg der mir jedoch wichtig war. An der Kirche in St. Lorenzen, wurde ich im Vorjahr bei zwei Ausfahrten von technischen Problemen gestoppt. Als ich nun aber problemlos an der Kirche vorbei fahren konnte, habe ich es als „Segen von oben“ verstehen wollen.

Analog-Navigation
Bei den Fahrten des Vorjahres hatte ich für die Navigation ein Roadbook-System auf laminierten Papier entwickelt. Auf Blättern in einer Größe von 15 x 15 cm wurde der Weg in großen Lettern und max. 15 Zeilen beschrieben, um die Angaben unterwegs auch ohne Lesebrille lesen zu können. Die Blätter eines Tages wurden wie ein Ringbuch geheftet und an der Lenkerstrebe befestigt. Dem Alter der SWM entsprechend verzichtete ich auf elektronisches GPS. Zur weiteren Absicherung hatte ich Straßenkarten in grobem Maßstab für Italien dabei. Die Erfahrungen des Vorjahres lehrten mich, dass die maximale Reisegeschwindigkeit bei 65 km/h lag. Bei höheren Geschwindigkeiten hatte ich das Gefühl dem Motor nichts Gutes zu tun. Autobahnen oder Schnellstraßen waren für mich tabu. Ich mußte den Weg durch die Dörfer finden. Über Google-Streetview zoomte ich mich in fast jede Kreuzung hinein um die Ortsnamen auf den Hinweistafeln zu notieren. Aus diesem Grund beanspruchte ein Tag Wegstrecke am Motorrad auch einen ganzen Tag an Wegplanung.

Tankplanung
Vorbei am ehemaligen Trial-WM-Austragunsort Spital am Semmering ging es zum ersten geplanten Tank-Stopp nach 70 Kilometern. Der Tank der SWM faßt 5 L Benzin. Über die App www.kurviger.de klärte ich gleich zu Beginn der Planungen die Frage, ob eine durchgehende Spritversorgung für diese Fahrt überhaupt vorhanden war. Ich tankte gerade einmal 3,5 Liter Sprit nach. Für mich war das eine beruhigende erste Rückmeldung. Der Motor lief sauber. Die geplanten Etappen zwischen den Tankstopps waren maximal 80 Kilometer lang. Zustätzlich hatte ich einen Kanister mit einem Liter Benzin in der Tanktasche als Notfallreserve.

Highlight des Tages
Im idyllischen Oberwölz kam Nervosität auf. Die nächste Etappe war zwar nur 55 km lang, führte aber über den Sölkpaß auf eine Höhe von 1788 m.ü.A. hinauf. Dabei handelt es sich um eine exponierte Bergstraße vor der ich großen Respekt habe, da mir große Höhen und schroffe Abhänge Probleme bereiten. Die ersten Meter des Anstiegs ging ich im Rahmen meiner Möglichkeiten sportlich an. Leider nahm ich beschämt zur Kenntnis, dass auch ich ein Hinweisschild benötigte, um Rücksicht auf die hier lebenden Anrainer zu nehmen. Es wäre auch einfach dumm von mir gewesen, den Motor über längere Zeit mit hoher Drehzahl zu belasten, ich wollte doch unbedingt wieder heil zu Hause ankommen. Nebel, Nieselregen und massig Rollsplittt bei der Auffahrt erlaubten auch für meine Verhältnisse nur geringe Geschwindigkeiten. Mit Erreichen der Passhöhe besserte sich das Wetter schlagartig und die Sonne gab bei der Abfahrt den Blick in das vor mir liegende Ennstal frei.
Hoch hinauf und tief herunter
Vielleicht war ich paranoid. Doch während der ganzen Reise hinweg hatte ich bei langen Talfahrten ständig Sorge um die Motorschmierung. Mit dem Zweitaktmotor der SWM durfte die Motorbremse nicht zu lange genutzt werden. Dabei würde die Spritzufuhr unterbrochen, der Ölfilm könnte reißen und einen Motorschaden verursachen. Für Ölnachschub würde das sogenannte Schmiergas sorgen. Zuviel davon erhöht bergab die Geschwindigkeit und belastet die Bremsen. In meinem Fall sind es Bremsen, die für den Trialsport ausgerichtet sind. Sie sind auch bei Nässe und Schmutz gut dosierbar, aber nicht für hohe Geschwindingkeiten bzw. hohe Belastungen ausgelegt. Ich entschied mich daher die Berge langsam, sehr langsam hinunter zu fahren und dabei den Verkehrsfluß nicht allzusehr zu stören.

Wie Gott in Frankreich
Im Ennstal wieder angekommen, war es bereits 15:30 Uhr. Ein Werbeschild an der nächsten Tankstelle lud ein zu Kaffee und Marillenkuchen. Das perfekte Angebot für die erste Pause für den Fahrer seit dem Start um 9:00 Uhr. Bei allen bisherigen Stopps war ich ständig mit Aufgaben für die Reise beschäftigt. Aufgrund meiner Erfahrungen des Vorjahres wußte ich, dass lange Etappen bis zu zehn Stunden beanspruchen würden. Es war also auch wichtig, auf meinen persönlichen Energiehaushalt zu achten. Andererseits wollte ich nach Möglichkeit ständig in Bewegung bleiben um Zeitreserven für eventuell auftretende Probleme zu haben. Aufgrund der schwachen 6V-Beleuchtung der SWM wollte ich das Fahren bei Nacht unbedingt vermeiden.
Mit der Gelassenheit eines buddhistischen Mönches spulte ich den Rest der Strecke durch das Ennstal teilweise bei Regen und über unschön zu fahrenden aufgefrästen Fahrbahnen bis zum Etappenziel nach Wagrein herunter.
Für die ganze Route waren die Quartiere bereits fix gebucht. Das war mir wichtig. Nach langen Tagesfahrten wollte ich mich nicht irgendwo auf „Herbergsuche“ begeben. Im Hotel am Zielort in Wagrain wurde auch ein Gasthaus geführt, dass an diesem Tag aber geschlossen hatte. Ich war hungrig und müde. Die Schlüssel für das Zimmer lagen beim Selfcheckin bereit. Küchenlärm wies mir den Weg an die „Quelle“. Eine Frau war gerade mit Vorbereitungen beschäftigt. Für den nächsten Tag waren Grillhenderl beworben, aber heute war geschlossen. Ich fragte also ob ich etwas Einfaches, z.B. einen Schinkentoast oder Frankfurter-Würsteln bekommen könnte. Nein, leider! Schinken wäre keiner da, und Würstchen auch nicht. Aber wenn es mir recht wäre, könnte sie schnell ein Wiener-Schnitzel mit Pommes Frittes zubereiten. Tausend Rosen! Ich war lukullisch im siebenten Himmel gelandet!
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